Sinn und Unsinn des Übergabegebets

Wie wird man Christ?

Für Freikirchler ist die Antwort auf dieser Frage kein Geheimnis. Sie verstehen, dass Gott kein Enkelkinder hat: jeder Mensch muss Gott selber kennenlernen und für sich selbst entscheiden.

Wie das geschieht, hat u.a. die folgenden Zügen:

1. wenn man so weit ist, dass man sagen kann, "ich glaube an Gott (bzw. an Jesus Christus als Gottes Sohn und Heiland)

2. dann betet man ein Übergabegebet

3. Nun ist man Christ geworden.

Das Übergabegebet wird unterschiedlich formuliert. Meistens sieht es so aus: Vater im Himmel, ich bekenne, dass ich ein Sünder bin und dass ich ein Heiland brauche. Ich glaube, dass Jesus Christus für mich gekreuzigt wurde und vom Toten auferstanden ist, damit ich ewig leben darf. Ich nehme Ihn heute an als mein Heiland und Herr. Danke, dass ich dein Kind geworden bin. Amen.“

Allgemein wird aber nicht in Frage gestellt, dass die Person, die ein solches Gebet gesprochen hat, ob frei formuliert oder von einem Evangelist in Gebet geführt, jetzt ein Christ geworden ist, der ewig mit Gott leben wird.

Ein magisches Gebet, eine gesicherte Himmelsfahrkarte! - oder doch nicht?

Stimmt es, dass nachdem man dieses Gebet betet, dass er automatisch und sofort errettet ist und künftiger Himmelsbürger? Nach meiner Erfahrung ist das fragwürdig.

Im Laufe der Jahre war ich bei vielen evangelistischen Veranstaltungen anwesend. Was ich oft beobachtete, ist, dass die Mehrheit, die auf einem Aufruf reagierten, so gut wie keine Ahnung hatten, was sie wirklich machten. Sie wussten wenig von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Sie waren selten bereit, ihr Leben vor Ihm hinzulegen. Von Buße und Umkehr gab es kaum Zeichen. Höchstens könnte man behaupten, dass sie durch die Aussagen des Predigers angetan waren, und nun Gott einen Signal schicken wollten, dass sie Ihn kennen lernen wollten.

In sich ist das echt toll. Für viele ist so ein Signal-abgeben wirklich ein Schlüsselerlebnis auf ihren Weg zu ihm. Aber sind sie, trotz ihr Unkenntnis und vielleicht fehlende Hingabe, tatsachlich nun Christen geworden, nur weil sie das Gebet nachgesprochen haben?

Wo ich Gelegenheit hatte, solchen Menschen in den Monaten danach zu begleiten, stellte ich fest, dass ihre wahre Bekehrung oft viel später kam.

Na ja, man könnte sagen, mindestens sind sie am Ende doch bekehrt! Aber was ist mit den vielen, die sich keine Gemeinde anschließen, die niemanden haben, der sie weiterführen kann? Könnte es sein, dass es viele geben, die fest glauben, dass sie sich bekehrt haben, nur weil sie ein Gebet ausgesprochen haben, und ein Mitarbeiter oder Pastor bestätigte, dass sie nun Christ geworden sind, mit einen gesicherten Platz im Himmel?

Wenn keine bestätigende Lebensumkehr erlebt wird, wenn Jesus nicht Herr ihres Leben geworden ist, wenn kein Zeichen zu erkennen ist, dass eine echte Beziehung zum lebendigen Gott vorhanden ist, kann man doch noch behaupten, dass die Person sich bekehrt hat? Was ist mit den Worten Johannes der Täufer: „so bringt nun Früchte, die der Buße würdig sind.“?

Ist das Übergabegebet biblisch?

Die Tatsache ist, dass man ein Befehl oder sogar Beispiel für so ein Gebet in der Bibel nicht finden kann. Am nähersten kommt Jesu Geschichte von den zwei Beter: ein war sehr religiös und stolz auf seiner Frömmigkeit. Dem anderen war schon klar, dass er Gott nichts zu bieten hatte. Er betete einfach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Jesus Punkt hier ist nicht, uns zu zeigen, wie wir gerettet werden, sondern zu verdeutlichen, dass Demut uns weiter bringen wird als eine falsche, heuchlerische Frömmigkeit.

Ich habe oft gedacht, dass Jesus eine bombige evangelistische Gelegenheit vermasselt hat, als der reiche Oberste zu ihm kam. Dieser Kerl platzte geradeheraus mit der Frage, wie kann ich gerettet werden? Was für eine traumhafte Situation!

Aber wie ging Jesus mit dieser seltenen Gelegenheit um? Er trieb den Mann regelrecht weg! Er stellte solche Hindernisse im Wege, solche unglaublich hohe Forderungen, dass der Mann traurig davon ging. Jesus hatte die Frechheit von dem Mann zu verlangen, dass er sein Geld verschenke und erst dann ihm nachfolge!

Möglicherweise hat Jesus anderen Wertvorstellungen wie wir.

Meine Frage an uns ist: machen wir es dem Menschen zu leicht, weil wir doch hoffen, dass möglichst viel errettet werden? – oder weil der Erfolg in unserer Berufung eine zu hohen Stellenwert eingeräumt hat? Ich glaube, wir haben es den Menschen zu einfach gemacht, und dabei ihnen keinen Gefallen getan.

Viele wachsen in den Glauben hinein. Man muss die Kosten überschlagen, weil das Leben ändert sich völlig, wenn man Jesu Nachfolger wird. Wir tun Leuten keinen Dienst, wenn wir sie überreden, uns ein Gebet nach zu sprechen, in der Hoffnung, dass wir dadurch ihr Leben vor der Hölle gerettet haben.

Ursprünge des Übergabegebets

Es wäre nicht weit hergeholt zu behaupten, dass die meisten freikirchlichen Christen das Übergabegebet als selbstverständlich nehmen. Vielleicht haben sie es noch nie in der Bibel gefunden, aber da jeder behauptet, dass dies „der Weg“ schlechthin ist, in das Leben mit Gott einzutreten, denken die wenigsten mehr darüber nach.

Mir ist immer wichtig zu erkennen, wann eine Sache angefangen hat, die sich nicht so leicht durch die Bibel bestätigen lässt. War dieser Brauch doch im ersten paar Jahrhundert nach Christus üblich, oder wurde es viel später eingeführt? Wenn später, was war der Grund dafür?

Die Entwicklung des Übergabegebets erfolgte etwa auf dieser Art. Das Übergabegebet war eine Erfindung der Erweckungsprediger des 18. und 19. Jahrhunderts, wie z.B. John Wesley, George Whitefield, Charles Finney und Dwight Moody. Die Frage, die diese Prediger sich stellten, war: wie bringen wir suchenden dazu zu erkennen, dass eine Entscheidung für Gott notwendig ist, da sie schon einer christlichen Kultur angehören? Wie soll dieser neuen Anfang gestaltet werden, dass sie für sich merken, „vorher war ich von Gott getrennt, ab jetzt gehöre ich Ihm?“

Eine Methode, die im Mitte des 18. Jahrhunderts in Gebrauch kam, nannte Charles Finney, ein amerikanischer Erweckungsprediger, „der Sitz der Bemühten.“1 Er reservierte die erste Reihe der Kirchenbänke für suchenden, sodass die, die auf den Aufruf reagierten, da sitzen konnten, während der Prediger sie weiter ermahnte, oder während sie selber betend versuchten „in die Errettung durchzubrechen.“

Diese Methode , die Finney selbst nicht erfand, sondern für seine Zwecke nur überarbeitete, wurde bald als emotional manipulativ anerkannt. Moody ersetzte sie mit trainierten Gebetsberatern2, die suchenden in ein trennten Raum in Gebet führten. Hauptsache war, dass am Ende von einer Erklärung des Evangeliums, der Berater die Person zum Aussprechen eines Gebets führte. Seit dem 18. Jahrhundert war das Konzept eines Gebets, das den Prozess der Errettung vollendete, schon weit verbreitet.

Vorm Ende des 19. Jahrhunderts war dieses Gebet, das Lebensübergabegebet, in Amerika und Großbritannien schon allgemein anerkannt als die Standardtechnik, wodurch man „Jesus ins Herzen empfing.“

Billy Graham und Bill Bright nahmen diese Ideen im 20. Jahrhundert weiter. Sie versuchten die Not der Suchenden und Gottes Antwort darauf kurz und prägnant darzustellen. Die Beschreibung wurde in einer Broschüre namens „Die vier geistlichen Gesetze“ verbreitet. Diese Erklärung von Gottes Heilplan endete mit dem Gebet, das uns heute als das Übergabegebet bekannt ist.

Das Übergabegebet als Ersatz

Darf ich eine provokante Frage stellen?

Könnte es sein, dass dieses Gebet ein Ersatz für die erwachsene Taufe geworden ist? Selbst Finney gab es zu. Er meinte, die Apostel im ersten Jahrhundert baten die Taufe an, die Lebensübergabe zeichnete. Er hingegen, nutzte den Sitz der Bemühten.

Nirgendwo in der Bibel findet man ein Gebet, das man bei der Bekehrung sprechen kann, noch gibt es Beispiele in Apostelgeschichte, von Menschen, die sich überhaupt durch Gebet bekehrten. Was man immer wieder findet, ist, dass sobald Überführung stattgefunden hat, ob von Sünde, oder der Wahrheit der Botschaft über Christus, sofort wurde sie getauft.

Als sie aber das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Männer und Brüder? Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden; so werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen. Apg. 2,37-38

Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst! Apg. 22,16

Die Lage in England und Amerika in der Zeit der Erweckungsprediger war wie auch heute in Deutschland. Die meisten waren bzw. sind als Kinder getauft worden. Wenn es verlangt wird, sich taufen zu lassen, werden viele den Schritt aufgeregt ablehnen, weil die Kirche die Wiedertaufe für Tabu erklärt hat. Wenn sie sich als erwachsene taufen lassen, müssen sie die Kirche verlassen. Für die meisten, wäre dieser Preis zu hoch.

Evangelisten, die erkennen, dass die Taufe mit einem bewussten Lebensumkehr in Zusammenhang steht, oft betrachten eine sofortige Taufe als viel zu umständlich. Das mag sein, aber die biblische Modell besteht aus Glauben, Umkehr von Sünden und als Zeichen der Entscheidung: die Taufe. Es ist nicht die Taufe, die rettet, aber sie setzt ein klares Zeichen, das das alte Leben nun endgültig vorbei ist.

Ist nicht das Übergabegebet ein Symptom unserer allzu oft theoretischen Glaubensgewohnheiten? Wir bringen die Leute dazu, eine Lehre über Jesus und das Kreuz als wahr anzunehmen. Dann sollen sie diese neue Überzeugung über die Lippen durch ein Gebet bringen. Es bleibt sehr oft nur Kopfsalat und wird nicht Teil des Lebens.

Jesus, die Apostel und die ganze hebräische Prägung der Bibel sprichen von der Rettung als ein komplett neues Umstellung des ganzen Lebens. Es bleibt nicht nur theoretisch, im Kopf, sondern wird jeden Tag gelebt, mit einer völligen Umkehr und Gehorsam Christus gegenüber.

Ich finde es folglich passend, dass das Zeichen des neuen Lebens den ganzen Körper in Anspruch nimmt. Der Körper wird untergetaucht (die Übersetzung des griechischen Wortes baptizo) im Sinne eines Theaterstückes: ich gehe mit Christus in den Grab, stehe mit Ihm wieder zum neuen Leben auf und lasse mein altes Leben wie auch Sünden hinter mir, tot. Es ist nicht theoretisch, es befasst mein ganzes Leben.

Wie wird man Christ? Durch ein ganzes-Leben-gebende-Umkehr und einen Glauben, der alles auf Jesus setzt. Nicht ein magisches Gebet.


  1. Who is God really?
  2. Die Quelle Blog
  3. Übergabegebet

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